• Peter Wallimann

ANTIVIRAL

ODER WIE DIE ANGST IN DIE WELT KAM

»Wo sind denn alle?«, fragt Bruder Narr, als wir von unserer Terrasse aus hinunter auf die leeren Straßen blicken. Außer einiger Tauben sieht man kaum Menschen, und die wenigen sind vermummt und mit schweren Einkaufstaschen beladen.

»Wo sind all die Leute?», wiederholt mein Bruder und zupft an meinem Umhang, der im Frühlingswind flattert.

»Zuhause«, sage ich. »Die Menschen warten auf bessere Zeiten.«

»Warten? Bei dem schönen Wetter?« Mein Bruder blickt mich fragend an.

»Brüderchen, seit dieses Virus herumgeistert, sind wir gefangen.«

»Was für ein Fikus denn? Und wieso gefangen, mein König?«

»Virus, nicht Fikus«, korrigiere ich.

»Von mir aus Firus, Fikus oder Sissifus«, lallt mein Bruder und zieht eine Grimasse, wie so oft, wenn Fremdwörter auftauchen.

»Also über Corona sollte man sich nicht lustig machen«, sage ich und deute mit der Hand über die Stadt. »Weißt du, die Welt ist krank, und da draußen lauert der Tod!«

»Echt jetzt?«, ruft Bruder Narr erschrocken und äugt vorsichtig über das Geländer, hinter dem sich ein wunderschöner Frühlingstag entfaltet. Unten im Vorgarten blühen Osterglocken und Primeln in paradiesischen Farben, so wie jedes Jahr. Die Vögel pfeifen und bauen kunstvolle Nester, so wie jedes Jahr. Die Sonne glänzt und wirft das Bild verschneiter Berge über den See, so wie jedes Jahr: ein Postkarten-Idyll, wäre da nicht…

»Mein König!«, unterbricht Bruder Narr meine Gedanken. »Entschuldige, aber ich sehe keinen Tod.«

»Den Tod kann man nicht sehen, mein Lieber. Deshalb sind wir seine Gefangenen.«

»Also ich nicht!«, protestiert mein Bruder. »Schau doch, wie frei ich bin!« Zum Beweis zeigt der Kleine seine beiden Handgelenke und hüpft wie ein Gummiball über die Terrasse. »Fang mich doch, wenn du kannst!«

»Brüderchen«, sage ich ernst, »mir ist grad nicht zum Spielen zumute. Die Welt steht Kopf. Die Leute irren mit Masken herum. Niemand schüttelt einem die Hand; die meisten haben sich in ihren Wohnungen verbarrikadiert, wo sie Notvorräte horten und Waffen lagern.«

»Und warum können wir nicht trotzdem Fangen spielen?«, will mein Bruder wissen.

»Weil das hier kein Spiel ist! Verstehst du das nicht?«

Bruder Narr bohrt in der Nase und schaut mich prüfend an. »Aber mein König, sagt er mit Tränen in den Augen: Ist nicht alles im Leben ein Spiel? Selbst der Tod?«

In dem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Wie recht mein Bruder doch hat! Was bringt es, sich vor etwas zu fürchten, was man nicht ändern kann? Warum haben wir Angst vor Dingen, die wir nicht sehen? Leben wir nicht im reichsten Land der Erde? Sind wir nicht bis über beide Ohren versichert? Haben wir nicht das beste Gesundheitssystem überhaupt? Werden wir nicht älter als alle Menschen, die jemals vor uns gelebt haben? Und dann kommt so ein kleines Virus, und alle geraten in Panik!

»Jeder stirbt doch früher oder später«, fährt mein Bruder fort.

Ich nicke.

»Warum können wir dann nicht Fangen spielen, solange wir gesund sind?«

Einen Moment lang bin ich versucht, nachzugeben. Wie schön wäre es jetzt, in kurzen Hosen barfuß draußen Fangen zu spielen! An Blumen zu riechen, zum See zu gehen…

Und doch, da ist diese Angst! Oder ist es vielleicht nur die Angst vor der Angst? Und schon spüre ich wieder diese Beklemmung, die mich in den letzten Tagen mehr und mehr beschlichen hat. Mit jeder stündlich aktualisierten Berichterstattung, mit jedem weiteren Verbot, mit jeder abgesagten Veranstaltung, mit jeder Stunde Kurzarbeit und mit jedem verstorbenen Senior wird sie genährt, diese bleischwere, zentnerschwere Angst. Was, wenn mich draußen ein Kind anhustet und Millionen Viren auf mich überträgt? Was, wenn ich eine schmutzige Türklinke anfasse und die Hände zu spät wasche? Was, wenn ich unwissentlich bereits Träger der Seuche bin und Menschen anstecke, die mir lieb sind? Am Ende gar meinen Bruder? Unvorstellbar!

Vor meinem Inneren Auge taucht Die Schwarze Spinne von Gotthelf auf. Was für ein Buch! Überall diese aggressivne Giftspinnen. Sie lauern unerkannt im Finsteren, warten auf ihr nächstes Opfer, beißen mordlustig zu. In der Stadt sind sie, unter dem Bett sind sie, ja selbst in meiner Kleidung hausen sie. Niemand ist sicher vor ihrem tödlichen Gift. Man sieht sie nicht kommen, so wie man Viren auch nicht sieht, weder der Arzt in der Notaufnahme noch der Pfarrer mit seinem goldenen Kruzifix.

»Hallo-o!«, ruft Bruder Narr und zwickt mich in den Bart…

»Entschuldigung«, sage ich. »Was hast du gesagt? Ich war in Gedanken…«

»Mein König«, platz es aus dem Kleinen heraus: »Fikus hin oder her, wenn nicht bald etwas passiert, sterbe ich nicht am Tod, sondern aus Langeweile!«

Als ich die Not in den Augen meines Bruders erkenne, kommt mir eine Idee: »Weißt du was?«, beruhige ich den Kleinen, »ich mach Dir jetzt erst mal einen Sirup. Und danach lese ich Dir eine Geschichte vor. Wie klingt das in deinen Ohren?«

»Klingt super!«, ruft mein Bruder und wirft begeistert die Zipfelmütze in die Luft. Dann rückt er zwei Liegestühle in die Sonne und macht es sich gemütlich.

Wenig später nehme ich das Buch unseres Schöpfers zur Hand, ein dickes, schweres, in Leder gebundenes Werk. »Brüderchen«, sage ich, »du bestimmst, wo wir weiterlesen.«

Bruder Narr schließt die Augen und kreist mit seiner Hand eine Weile über den Seiten. Plötzlich stößt sein Zeigefinger wie ein Greifvogel in die Tiefe und schlägt auf Seite 1918 auf.

»Genau hier«, sagt er und blickt mich erwartungsvoll an. »Was steht da, mein König?«

»Wie die Angst in die Welt kam«, lese ich überrascht.

»Ja, das will ich hören«, sagt der Kleine, während er genüsslich Himbeersirup mit Preiselbeersaft durch ein zu enges Röhrchen schlürft, als ob es sich um den letzten Nektar in einer sterbenden Welt handeln würde.


Wie die Angst in die Welt kam

Es gab eine Zeit, da lebten die Menschen in Frieden und Einklang mit der Schöpfung. Morgens und abends blickten sie sich in die Augen und lächelten, denn sie erkannten sich selbst in allen anderen.

Damals gab es keine Kriege, keine Not und kaum Sorgen. Zwar hatten die Menschen Respekt vor wilden Tieren und den Kräften der Natur. Doch weder Löwe noch Bär, weder Blitz noch Donner machte ihnen Angst. Gemeinsam fühlten sie sich stark und aufgehoben, selbst im Tod, der wie alles andere zum Leben gehörte.

Diese frühen Menschen waren Teil einer einzigen großen Familie. Alle Lebewesen waren ihre Brüder und Schwestern. Tiere und Pflanzen, Wälder und Wüsten, Gebirge und Flüsse, alles gehörte zusammen. Alles war Teil des Einen und damit Teil der Gemeinschaft.

Die Menschen lebten ihr Leben aus der Mitte heraus. Sie fürchteten sich nicht vor dem Unbekannten, weil sie nicht über Dinge nachdachten, die ihnen fremd waren. Sie lebten und starben gesund, denn sie liebten das Leben und umarmten den Tod. In ihrem Weltbild hatte alles seinen Platz, seine Zeit und seine Ordnung. Alles hing mit allem zusammen. Alle waren verbunden, eins mit sich selbst, eins mit allen anderen, eins mit dem Kosmos. Leben und Sterben waren wie Tag und Nacht. So wie die Sonne morgens auf- und abends unterging, so kam und ging das Leben in immer wiederkehrenden Zyklen. Geburt und Tod waren nichts anderes als Momente der Veränderung, Phasen des Übergangs, Schritte in neue Welten. Wie die Wellen des Meeres kam und ging das Leben, ohne dass es dadurch weniger wurde oder mehr, obwohl es sich stetig veränderte.

Wenn sich die Menschen morgens und abends in die Augen blickten, strömte pures Glück durch ihre Adern. Verzaubert, lächelten sie sich an und umarmten sich liebevoll, egal, wer gerade vor ihnen stand. Jeder war wertvoll. Jeder war willkommen. Und alle waren Teil einer heiligen Gemeinschaft.

In allem, was die Menschen betrachteten, erkannten sie Schönheit und Lebenskraft. Überall war ein geheimnisvolles Leuchten und Pulsieren. Das gesamte Sein war in sich verschlungen wie zwei Liebende im ewigen Spiel der Schöpfung. Niemand stellte diese Einheit infrage, denn die Menschen waren kindlich und voller Vertrauen.

Dann, eines Tages, passierte etwas Unerwartetes. Am Horizont tauchte eine fremde Gestalt auf.

»Mein Name ist Angst«, sagte das in schwarze Tücher gehüllte Wesen. »Wenn ihr mich bei euch aufnehmt, begleite ich euch ein Leben lang.«

Niemand hatte die Angst zuvor gesehen. Niemand wusste, wer sie war, woher sie kam oder was sie wollte. Vertrauensvoll wie die Menschen waren, hießen sie die Angst willkommen, so wie es Brauch war. Doch als sie ihr in die Augen schauen wollten, senkte die Angst ihren Blick und wich zurück.

Die Menschen waren perplex. So etwas hatte es noch nie gegeben in der Geschichte ihrer Ahnen. Was gab es Wichtigeres, als sich gegenseitig in die Augen zu blicken?

Zunächst wussten die Leute nicht, wie sie reagieren sollten. Der verweigerte Blick stach in ihr Herz. Doch weil sie höflich waren, taten sie es der Angst gleich und machten ebenfalls einen Schritt zurück.

Da ließ die Angst ihren Umhang fallen und zeigte sich nackt in überirdischer Schönheit. Verführerisch sprach sie: »Schaut, meine lieben Freunde, ich habe euch ein wertvolles Geschenk mitgebracht.« Mit diesen Worten zog sie einen funkelnden Spiegel hervor, blickte hinein und reichte das Willkommensgeschenk herum.

Fasziniert, betrachteten die Menschen zuerst den vollkommenen Körper der Angst, dann das glänzende Objekt. So eine Erfindung hatten sie noch nie gesehen.

»Schaut nur hinein«, lockte die Angst und zeigte auf das Geschenk.

Als die Menschen in den Spiegel schauten, erblickten sie ihr eigenes Spiegelbild, zum ersten Mal in ihrem Leben. Dieses Bild war so klar und greifbar, als ob ihr eigener Zwilling vor ihnen stünde. Die einen erschraken darüber und wichen zurück, die anderen waren euphorisch und konnten nicht genug davon kriegen. Alle jedoch waren zutiefst berührt.

In ihrem Spiegelbild erkannten die Menschen Dinge, die ihnen bisher entgangen waren. Der eine merkte, dass seine Nase die Form einer Knolle hatte, während die seines Nachbarn einem Windhund glich. Dem einen wuchsen Haare aus allen Öffnungen, dem anderen fehlten sie ganz. Einige Frauen hatten volle Lippen und schwere Brüste, andere wirkten dünn und ausgemergelt. Die einen hatten tiefblaue Augen, andere braune oder grüne. Und so weiter, und so fort.

Als die Angst merkte, dass sie ansteckend war, verteilte sie immer mehr Spiegel. Und je länger sich die Menschen darin betrachteten, desto mehr erkannten sie, dass sie nicht gleich waren, sondern verschieden. Jedes Gesicht war anders. Nur das eigene Antlitz war gleich, wenn man in den Spiegel blickte.

Jetzt wollten auf einmal alle Menschen Spiegel haben, um sich ganz genau und in Ruhe darin zu betrachten. Irgendwie fanden sie Gefallen an dem Gedanken, dass sie nicht nur anders waren als ihre Nachbarn, sondern auch besonders. Und so hatte die Angst alle Hände voll zu tun, um die Menschheit während der kommenden Jahrhunderte mit Spiegeln auszurüsten.

Von Tag zu Tag waren mehr und mehr Spiegel im Umlauf. Und je mehr es wurden, desto seltener blickten sich die Menschen gegenseitig in die Augen. Lieber schauten sie morgens in den Spiegel, um sich für den Tag schön zu machen. Und abends schauten sie hinein, um mit ihrem Spiegelbild über ihre geheimsten Wünsche und Sorgen zu sprechen: über Schönheit, Reichtum und Erfolg und vieles mehr. Doch je mehr die Menschen sich wünschten, was ihnen fehlte, desto unzufriedener und einsamer wurden sie. Und schon bald kannten sie weder sich selbst noch all die anderen, die mit all ihren unerfüllten Wünschen und Ängsten ebenfalls in ihre Spiegel blickten.

So kam es, dass sich die Menschen immer fremder vorkamen, so fremd, wie es vor Urzeiten die Angst gewesen war, die in ihr Leben getreten war und inzwischen zum Alltag gehörte.

Befeuert durch die Unterschiede in all den Spiegelbildern, begann die Gesellschaft zu wachsen. Aus Weilern wurden Dörfer, aus Dörfern Städte, aus Städten Nationen und aus Nationen Föderationen und Feinde. Auch wenn Politiker etwas anderes behaupteten: die Globalisierung war nicht Ausdruck zunehmender Einheit, sie diente dazu, die wachsenden Bedürfnisse unzähliger Individuen und Märkte zu befriedigen. Anstatt für die Gemeinschaft zu leben, verfolgten die Leute nun ihre persönlichen Ziele. Die einen wurden reich und mächtig und führten ein Leben in Saus und Braus. Andere wurden bettelarm und siechten am Rand der Gesellschaft dahin, mehr geduldet als geliebt. Und obwohl Fülle und Reichtum insgesamt zunahmen, obwohl der Handel aufblühte und die Märkte rasant wuchsen, obwohl immer neue und noch bessere Erfindungen gemacht wurden, obwohl sich Technologie und Bildung verbesserten, waren und blieben die Menschen unzufrieden und unerfüllt. Seit man nur noch ein einziges Bild von sich besaß, anstatt das der gesamten Menschheit, fühlten sich alle unvollkommen und mangelhaft. Keiner fühlte sich verstanden und geschätzt, geschweige denn geliebt oder wertvoll. Keiner fühlte sich als Teil von etwas Größerem. Alle rannten einem gottgleichen Bild von sich selbst nach, welches Tag und Nacht durch ihre Spiegel und Träume geisterte und niemanden zur Ruhe kommen ließ.

So kam es, dass die Angst ihr Versprechen hielt und zu einem der treuesten Begleiter der Menschheit wurde. Und sie war überall, die Angst! Die Schwachen hatten Angst vor den Starken. Die Reichen hatten Angst vor den Armen, die Schönen hatten Angst vor den Hässlichen, die Alten vor den Jungen, die Weißen vor den Schwarzen, die Heimischen vor den Fremden. Und alle zusammen hatten Angst vor der Zukunft. Und mit Zukunft war vor allem der Tod gemeint, der spinnengleich auf sein nächstes Opfer lauerte.

In ihrer Verzweiflung blickten die Menschen noch öfter in ihre Spiegel und baten die Angst um Rat. Das kam der Angst sehr gelegen, sie fühlte sich geschmeichelt. Und so tat sie, was sie am besten konnte: Sie verbreitete sich selbst in fataler Schönheit. Treu wie sie war, riet die Angst den Menschen, noch mehr Angst zu haben. Sie riet ihnen, misstrauisch, argwöhnisch, kleinlich, hochnäsig, streitsüchtig, geizig, gierig, eitel und egoistisch zu sein. Sie riet ihnen, jeden Funken Mitgefühl in sich abzutöten, stark und unnahbar zu sein, um in einer Welt aus Angst überleben zu können.

So nahm die Geschichte ihren Lauf. Die ursprünglichen Gemeinschaften spalteten sich auf in Scharen von Individuen, die sich im Kollektiv gegen alles Fremde wehrten. Anstatt zu teilen, wurde gehortet. Anstatt zu kooperieren, trat man in Konkurrenz. Anstatt zu lächeln, wurde geschossen. Aus Angst vor der Angst errichtete man Zäune und Mauern, führte Kriege um Geld und Rohstoffe und erweckte die Monster der Industrialisierung.

Die Angst jedoch wurde nicht kleiner, im Gegenteil. Die Welt drohte, im Chaos zu versinken. Egal, wie viele Gesetze erlassen, wie viele Anwälte vereidigt, wie viele Versicherungen abgeschlossen wurden. Egal, wie viele Zöllner, Polizisten und Soldaten die Grenzen verteidigten.

In ihrer Zerrissenheit befragten die Menschen ihre Spiegel, was zu tun sein. Allerdings blickten sie nun in selbstleuchtende Spiegel, solche, die man tagsüber mit den Fingern berührte und nachts an ein Kabel anschloss. Ihre künstlich geschönten Bilder verschickten sie millionenfach, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen in der Hoffnung, dass jemand da draußen war, der sie erkannte und vielleicht sogar liebte. Doch das war kaum möglich, denn die auf Reisen geschickten Bilder hatten keine Ahnung, wer sie waren oder wen sie repräsentierten.

So kam es, dass sich die Menschheit trotz zunehmender Zahl und Vernetzung immer mehr aus den Augen verlor. Die errichtete Gesellschaft diente allein dem Konsum. Die Leute erkannten sich nicht länger in ihren Nachbarn, nicht einmal in ihren Freunden und Verwandten, geschweige denn in allen anderen. Alle waren damit beschäftigt, sich miteinander zu vergleichen und sich zu bekämpfen, wodurch sie sich noch weiter voneinander entfernten.

Inzwischen machte man sich über alles Sorgen, selbst über Dinge, die unwahrscheinlich waren oder dem gesunden Menschenverstand widersprachen. Bereits die Vorstellung, dass etwas Schlimmes passieren könnte, reichte aus, um Angst zu schüren. Und obwohl alle diese Angst verspürten, fühlten sie die Angst nicht gemeinsam, sondern jeder für sich separat. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich allein und unverstanden fühlten – digital vernetzt, doch in sich gespalten.

Anstatt der Angst gemeinsam in die Augen zu blicken, anstatt sich füreinander zu öffnen, anstatt Mauern niederzureißen, Grenzen zu öffnen und die Schönheit des Lebens zu feiern, blickten die Menschen weiter in ihre verängstigten Spiegelbilder und gaben sich finsteren Gedanken hin. Sie fürchteten sich vor allem und jedem, ob real oder nicht.

Die Angst der Menschen brachte unterschiedliche Interessensgruppen hervor: Die Verblendeten und Verwegenen stellten sich über die Natur und wurden gefühllos oder kriminell. Die Ängstlichen und die Opfer beschlossen, Krankheiten zu entwickeln und unter Depressionen zu leiden. Die Suchenden und die Mitläufer wurden religiös, erfanden Verschwörungstheorien oder traten radikalen Gruppen bei. Die Atheisten und die Nihilisten zürnten Gott, erfanden die Wissenschaft und wurden zu Besserwissern. Die große Masse jedoch erstarrte in bürgerlicher Gleichgültigkeit, legte sich Fettreserven zu und hoffte, der Angst durch Konsum und Ellenbogen-Mentalität zu entkommen, während ihre verzerrten Spiegelbilder gespenstisch über Milliarden Monitore der Angst flimmerten.

Ja, so war das mit der Angst. Bis heute ist nicht geklärt, woher sie kam und wie es ihr gelingen konnte, die Menschheit mit Spiegeln zu unterjochen. Doch einen Trost gibt es: So wie alles endet, was beginnt, so wird auch die Angst enden. Auch ihre Tage sind gezählt. Denn enden wird sie, wenn die Menschen ihre Spiegel zertrümmern, sich in die Augen schauen und jene bedingungslose Liebe spüren, die in uns allen schlummert seit Anbeginn.


Als ich das Buch unseres Schöpfers sinken lasse, ist Bruder Narr verschwunden, so wie die fehlenden Menschen auf der Straße. Zu meinem Entsetzen bemerke ich, dass der Kleine seinen Sirup nur zur Hälfte ausgetrunken hat – kein gutes Zeichen.

»Brüderchen!«, rufe ich besorgt. »Wo bist du denn. Alles gut?«

Weil keine Antwort kommt, stehe ich auf, als plötzlich ein lauter Knall an mein Ohr dringt, und dann noch einer und ein weiterer, gefolgt von klirrenden Geräuschen, als ob ein ganzer Konvoi aus Lastern in ein Juweliergeschäft gedonnert wäre.


»Bruderherz!«, schreie ich und renne los…


30 Minuten später ist Bruder Narr mit zwei Pinguin-Pflastern verarztet und die gröbsten Scherben sind entfernt. Vor allem im Bad und in der Garderobe musste ich lange und gründlich saugen, um die Überreste von drei zerbrochenen Spiegeln zu entfernen. Leichter zu entsorgen, waren mein Mobiltelefon, der Laptop und unser Fernseher, weil deren Oberflächen nur gesprungen waren, nicht gesplittert. Doch auch sie sind jetzt Müll und warten darauf, dass wir sie beim Elektroschrott-Händler abliefern.

»Bist du eigentlich wahnsinnig!«, wollte ich rufen, als ich die Bescherung sah. Doch als ich meinen Bruder in löchrigen Ringelsocken inmitten all der Scherben erblickte, brachte ich es nicht übers Herz, ihn auszuschimpfen.

»Hast du mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!«, sagte ich indessen und brachte den Kleinen in Sicherheit.

»So, das wäre geschafft«, sprach Bruder Narr stolz und reichte mir den blutverschmierten Hammer. »Schau doch, mein König: Die Angst ist besiegt!«

Als ich den Kleinen abends in die Hasenkiste lege und mit frischem Stroh zudecke, blickt mich mein Bruder aus seinen zweifarbigen Augen an, das eine blau, das andere gelb. Dann sagt er: »Mein König, bevor wir schlafen, sollten wir uns da nicht noch in die Augen blicken?«

Schnell bringe ich Bruder Tag, unser Kaninchen, in Sicherheit und steige ächzend zu meinem anderen Bruder in die Kiste. Danach halten wir uns an den Händen und schauen uns mehrere Minuten lang tief in die Augen, ohne etwas zu sagen.

Eine Stunde später liege ich angstfrei im Bett und notiere Folgendes:


»Corona, du kleiner Wurm! Sag, warum bist du hier, und was willst du von uns? Bist du gekommen, um die Angst weiter zu schüren? Oder bist du hier, um unsere Liebe zu erwecken? Ist es an der Zeit, die Spiegel wegzulegen und unseren Mitmenschen in die Augen zu blicken? Ist es an der Zeit, dass wir aus unserer Betäubung erwachen und uns fragen, was wichtiger ist im Leben: unsere egoistischen Bedürfnisse oder der Ruf unserer Seele? Sind wir bereit, uns selbst aus dem Würgegriff der Angst zu befreien und gemeinsam in ein neues Zeitalter einzutreten? Denn wurden wir nicht in Liebe gezeugt und aus Schönheit erschaffen, jeder absolut einzigartig und doch alle gleich? Daher Corona: Kläre, was es zu klären gibt. Auf dass unsere Herzen heilen und unsere Augen leuchten. Auf dass wir die Einheit allen Lebens in uns erkennen und manifestieren!«


Nachdem ich mein Tagebuch weggelegt habe, lausche ich eine Weile den Atemzügen meines Bruders, der friedlich neben seinem Hasen im Stroh schläft.

»Bruder Narr«, denke ich mir, »was würde ich nur tun ohne dich? Bereits dein Lachen ist antiviral. Lass uns morgen Fangen spielen, um den Menschen Mut zu machen – Firus, Fikus und Sissifus zum Trotz!«

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